Hochwasser und Eingriffsausgleich in Sachsen Flächenversiegelung und Eingriffs-Ausgleichs-Regelung im Freistaat Sachsen – eine  kritische Betrachtung der Auswirkungen auf den Wasserhaushalt    1.       Versiegelung und ihre Auswirkungen  Derzeit beträgt der tägliche Flächenverbrauch in Deutschland etwa 96 Hektar. Dies entspricht etwa 135 Fußballfeldern.  Zum größten Teil werden diese Flächen für Siedlungen und Verkehrswege benötigt.  Allein im Freistaat Sachsen ist die  Siedlungs- und Verkehrsfläche seit Anfang der 90er Jahre um ca. 8 Hektar pro Tag ( = 80.000 Quadratmeter)  angewachsen. Das Gesamtausmaß der siedlungswirtschaftlichen Zwecken dienenden Fläche ist 2007 auf mehr als 12  Prozent der Landesfläche ( = 221.667 Hektar) angewachsen (Quelle: Endbericht Sächsisches Landesamt für Umwelt,  Landwirtschaft und Geologie 2007, Vorhaben „Flächenverbrauch in Sachsen“, Seite 2).  Vor allem die vollständige Versiegelung von Böden stellt ein grundlegendes Problem dar, denn sie beraubt dem Boden  alle Funktionen, die er im Naturhaushalt als „Schaltstelle“ und zentrales Medium für Wasser, Klima und Biodiversität  erfüllt. Boden liefert einerseits die wichtigsten Lebensmittel, andererseits ist er Lebensraum: Ein Gramm Boden in gutem  Zustand kann bis zu 600 Millionen Bakterien verschiedener Arten enthalten. Der Boden enthält darüber hinaus Pilze,  Algen, Einzeller, Fadenwürmer, Regenwürmer, Milben, Asseln, Springschwänze und Insektenlarven. Hochgerechnet auf  einen Hektar ergibt das ca. 15 Tonnen Lebendgewicht, vergleichbar mit 20 Kühen.   Daneben ist der Boden eng mit dem Wasserkreislauf verbunden. Niederschlagswasser wird im Boden gespeichert und  steht somit den Pflanzen und Bodentieren zur Verfügung, der Rest trägt zur Grundwasserneubildung bei. In Deutschland  sind das zwischen 100 und 600 Liter pro Quadratmeter und Jahr. 65% des Trinkwassers werden in Deutschland aus  Grundwasser gewonnen. (Quelle: BUND e.V. Hintergrundpapier Boden, 2008).     Bei einem vollständig versiegelten Boden fließt das Wasser oberflächig ab. Aufgrund der fehlenden Infiltration und der  oftmals zentralen Sammlung des Niederschlagswassers an anderer Stelle steht es vor Ort nicht mehr zur  Grundwasserneubildung zur Verfügung und belastet durch punktuelle Einleitung das Kanalnetz oder die Vorfluter (Bäche  und Flüsse). Letztlich führt dies bei Starkniederschlägen zur Ausbildung von Hochwasserereignissen.   Es ist davon auszugehen, dass der hohe Grad der Versiegelung in Deutschland das Hochwasserproblem  verschärft, und zwar sowohl im Hinblick auf die Menge des unkontrolliert abfließenden Niederschlags als  auch hinsichtlich immer kürzerer Vorwarnzeiten.    Das Wissen um diese Zusammenhänge führte dazu, dass die Bundesrepublik Deutschland in ihrer nationalen  Nachhaltigkeitsstrategie für das Jahr 2030 als Ziel festgelegt hat, den täglichen Flächenverbrauch auf 30 Hektar zu  reduzieren.      Alles deutet jedoch darauf hin, dass dieses Ziel nicht erreicht wird.   Ein Grund dafür ist, dass die Versiegelung von Boden als gravierender Eingriff in Natur und Landschaft nicht in dem  Maße bewertet und ausgeglichen wird, wie es ihre negativen Auswirkungen auf den Naturhaushalt erfordern. Vor allem  die Beeinträchtigungen des Wasserhaushaltes werden mit den festgesetzten  Kompensationsmaßnahmen regelmäßig  nicht ausgeglichen.   2.       Handlungsempfehlung zur Bewertung und Bilanzierung von Eingriffen im Freistaat Sachsen  Im Freistaat Sachsen wird seit dem Jahr 2003 im Rahmen von baurechtlichen Genehmigungsverfahren die  „Handlungsempfehlung zur Bewertung und Bilanzierung von Eingriffen“ herangezogen, wenn es um die Ermittlung des  naturschutzrechtlichen Kompensationsbedarfs geht. Diese Handlungsempfehlung, im Auftrag des Sächsischen  Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft durch die TU Berlin, Institut für Landschafts- und Umweltplanung  erstellt,  soll auf der Basis von sogenannten Wertpunkten den aktuellen und geplanten ökologischen Zustand (Biotopwert) einer  Fläche ermitteln, bewerten und vergleichen. Eine Wertminderung ergibt sich regelmäßig, wenn bisher unbebaute  Flächen neu versiegelt  werden. Rechenbeispiel 1 soll das verdeutlichen.   Das Ergebnis zeigt:   Für einen Hektar Versiegelung (10.000 m²) von Acker sind im Freistaat Sachsen nur 2.778 m² Bepflanzungen (z.B.  Laubwaldaufforstung) auf Acker als naturschutzrechtlicher Ausgleich nötig, d.h. noch nicht einmal ein Drittel der  versiegelten Fläche. 3.     Eingriffsausgleich und Niederschlagsabfluss  Die unausgeglichene Wasserbilanz derartigen Natur-Ausgleichs für Versiegelungen lässt sich rechnerisch durch  vergleichende Betrachtung des Oberflächenabflusses beweisen. Zur Ermittlung der Niederschlagsabflüsse unterschiedlicher Flächen werden deren Abflussbeiwerte herangezogen. Diese  geben an, welche Abflussmengen, ausgedrückt in Prozent bezogen auf den Bemessungsregen bei den jeweiligen  Flächen zu erwarten sind. Je niedriger der Abflussbeiwert, desto weniger Spitzenabfluss tritt auf, um so mehr Wasser  versickert (infiltriert) in den Boden. Der Regenwasserabfluss (Liter pro Sekunde) ergibt sich dann als Produkt der Fläche  (in Hektar), der Regenspende und dem Abflussbeiwert.   Vollständig versiegelte Flächen wie Asphalt- und Betondecken besitzen einen Abflussbeiwert von 0,9, d.h. es fließen 90  Prozent des Niederschlages ab, nur 10 Prozent verdunsten bzw. versickern. Dichte Bebauungen mit einzelnen begrünten  Flächen wie z.B. Gewerbegebiete weisen einen durchschnittlichen Abflussbeiwert von 0,6 auf. Demgegenüber hat  Grünland einen Abflussbeiwert von 0,25 bis 0,3. Maximal 30 Prozent des Niederschlags fließt auf solchen Flächen ab,  etwa 70 Prozent versickert und wird der Vegetation bzw. dem Grundwasser zur Verfügung gestellt. Auf Ackerflächen  schwankt der Abflussbeiwert je nach Vegetationsbedeckung. Es soll im Folgenden mit einem Durchschnittswert von 0,3  für Acker und Grünland gerechnet werden (30 % des Niederschlags fließen ab). Am wenigsten fließt in einem Laubwald  bzw. strukturreichen Gehölzflächen oberflächig ab, nämlich nur 10 % (Abflussbeiwert 0,1). Als Niederschlag wird eine  Menge von 10 Litern pro Quadratmeter innerhalb von 20 Minuten angenommen. Dieser Wert entspricht der  Mindestmenge für ein Starkregenereignis in Mitteleuropa.    Im Rechenbeispiel 2 wird ermittelt, wie sich die Versiegelung von einem Hektar Acker und der unter Rechenbeispiel 1  berechnete naturschutzrechtliche Ausgleich von 2.778 m² Laubwaldaufforstung auf die Wasserbilanz des Gebietes  auswirkt.  Es wird deutlich, dass der mit der sächsischen Handlungsempfehlung ermittelte naturschutzrechtliche Ausgleich nur 10  Prozent des durch Versiegelung zusätzlich entstandenen Wasserabflusses bei einem Starkregenereignis zurückhalten  kann.  Für einen Hektar (10.000 m²) Versiegelung von Acker wären aus Sicht eines vor Ort wieder ausgeglichenen  Wasserhaushalts drei Hektar (30.000 m²) Bepflanzungen (z.B. Laubwaldaufforstung) auf Acker erforderlich, also das  Dreifache der Versiegelung und das Zehnfache dessen, was in Sachsen als Ausgleich gefordert wird ! 4.       Eingriffsausgleich und Wasserbilanz am Beispiel des geplanten Gewerbegebietes „Am Golfplatz“, Flöha  Auf die oben dargestellte Weise benötigt auch das auf ca. 11,2 ha Acker geplante Gewerbegebiet Golfplatz in Flöha,  welches im Jahr 2009 zur Anhörung ausgelegt wurde und eine Neuversiegelung von 9,44 Hektar aufweist, nach  Maßgabe der Wertpunkteberechnung nur noch eine effektive Ausgleichsfläche von ca. 3,6 ha außerhalb des Gebietes,  die mit Hecken und lockeren Gehölzen bepflanzt werden soll. Dass damit der gestörte Wasserabfluss des Gebietes nicht  wieder hergestellt wird, belegt bereits die Tatsache, dass für das Gewerbegebiet trotz der Ausgleichsmaßnahme ein  Regenrückhaltebecken geplant wird, welches die gesammelten Oberflächenwässer in den Vorfluter in die Stadt Flöha  entlässt. Im Rechenbeispiel 3 werden die Flächenbestandteile des geplanten Gewerbegebietes Golfplatz Flöha im Ist- und im  Plan-Zustand aufgelistet. Es werden nur Flächenanteile einbezogen, welche bebaut werden sollen (bereits bebaute und  weiter genutzte Flächen werden nicht betrachtet).  Die vorliegende Beispielrechnung beweist augenscheinlich, dass die mit der „Handlungsempfehlung zur Bewertung und  Bilanzierung von Eingriffen“ als naturschutzrechtliche Kompensation für ein 11,2 Hektar großes Gewerbegebiet  bilanzierte Ausgleichsfläche von 3,6 Hektar nicht annähernd ausreicht, den durch Versiegelung und Bebauung  entstandenen Oberflächenabfluss bei einem Starkregenereignis zu kompensieren.   Durch die vorgesehenen Bepflanzungen können nur 15 % der durch das Gewerbegebiet bewirkten, vor Ort fehlenden  Versickerungsleistung ersetzt werden.  4.       Fazit    Juni 2011  Die allgemeine Praxis des Eingriffs-Ausgleiches im Freistaat Sachsen, basierend auf  der  „Handlungsempfehlung zur Bewertung und Bilanzierung von Eingriffen“, ist  nicht geeignet, die durch Bebauung und Versiegelung hervorgerufenen Eingriffe in  den lokalen Wasserhaushalt zu kompensieren. Lediglich 10 % der fehlenden  Versickerungsleistung können durch Bepflanzungsmaßnahmen auf  landwirtschaftlichen Flächen, welche der erforderlichen Wertpunktedifferenz im  Sinne der Handlungsempfehlung entsprechen, bei Starkregenereignissen erbracht  werden. In Anbetracht der Größe der täglich neu versiegelten Flächen in Sachsen  nimmt es daher nicht wunder, dass sich Hochwasserereignisse mehren. Dabei geht  es nicht nur um spektakuläre Ereignisse wie im Jahr 2002, sondern es häufen sich  auch lokale Hangrutsche, Überschwemmungen aus angrenzenden  landwirtschaftlichen Flächen und Bachüberflutungen an Stellen, wo in den  vergangenen Jahrzehnten keine derartigen Probleme auftraten. Im Zusammenhang  mit dem Ausbau von Fließgewässern (aktuell im Rahmen der Umsetzung der  Hochwasserschutzkonzeptionen), der fast flächendeckenden Drainage  landwirtschaftlicher Flächen sowie der Beseitigung von Brachen, Wald- und  Gehölzflächen ist der fehlende Ausgleich für Versiegelungen ein weiterer Baustein zu  höheren und schnelleren Hochwässern.   Die sächsische "Handlungsempfehlung zur Bewertung und Bilanzierung von  Eingriffen" ist nicht geeignet, der gesetzlichen Vorgabe (§ 8 und 9 Sächsisches  Naturschutzgesetz) zum Ausgleich unvermeidbarer Eingriffe in Natur und Landschaft  zu entsprechen.