Der Betonwahn der Wasserbauer 4. Wie sind Wirkung und Schutz durch Hochwasserrückhaltebecken zu bewerten?  Grundsätzlich ist anzumerken, dass der Ansatz eines Schutzes bis zu einem HQ 100  sehr kritisch zu sehen ist. Er suggeriert den von der Flut 2002 Betroffenen eine  Sicherheit, die dieser Schutzstatus  nicht zu leisten vermag. Denn bei einem  Hochwasser größer HQ 100 sind alle, mit sehr viel Steuergeld bezahlten Maßnahmen  wirkungslos.  Hochwasserrückhaltebecken halten nur eine definierte Wassermenge zurück. Ist das  Becken voll, kann es nicht in kurzer Zeit und ohne Schäden für die Unterlieger entleert  werden. Sollte es länger regnen oder es regnet innerhalb der Zeit, die eine Entleerung  benötigt, ein zweites oder drittes Mal, läuft das Becken ungesteuert über - und zwar  über die Hochwasserentlastung. Der Hochwasserschutz ist in diesem Fall gleich Null.  Dass dies gar keine so abwegigen Betrachtungen sind, zeigt die folgende  Pressemitteilung vom 27.03.2009 über das geplante Hochwasserrückhaltebecken  Neuwürschnitz am Beuthenbach südlich der A 72. Das etwa 1 Mill. m³  fassende  Trockenbecken benötigt nach Vollstau 12 Tage, um schadlos ablaufen zu können. Das  HRB Oberbobritzsch ist für fast 5 Mill. m³ ausgelegt – wie lange wird dessen  Entleerung wohl dauern ?  Hochwasserrückhaltebecken halten zu viel Wasser zurück bzw. geben dem Fluss im  Jahreslauf zu wenig Wasser ab. Nach den ausgereichten Unterlagen für das HRB  Oberbobritzsch ist z.B. vorgesehen, das als Trockenbecken konzipierten HRB bereits  bei einem HQ 2 einzustauen. Das bedeutet, dass auf weite Strecken die natürliche  Flussdynamik unterhalb des Beckens im betroffenen FFH-Gebiet schwer beeinträchtigt  wird.   Jedes Hochwasserrückhaltebecken unterbricht die Durchgängigkeit des  Fließgewässers, denn der Fluss fließt durch das Bauwerk direkt hindurch (im  Hauptschluss). Dafür werden technische Durchlässe durch den Damm konzipiert, die  einen Regelmechanismus für Anstau bzw. Absenkung beinhalten. Das setzt enge  Grenzen für eine naturnahe Gestaltung.  Dass das Thema Mittelpunkt vieler Forschungsvorhaben und Fachliteratur ist, beweist,  wie wenig zufriedenstellend die hochtrabend als Ökodurchlass bezeichneten  technischen Durchflussrinnen funktionieren.  So oder so, der Fluss wird streckenweise kanalisiert und möglicherweise auch in einen  lichtlosen Stollen geleitet, denn ein großes HRB mit Dammhöhen über 15 m benötigt  einen Damm mit einer breiten Aufstellfläche, so dass eine Dammschlitzung für einen  offenen Durchlass nicht möglich ist. In Oberbobritzsch beispielweise ist ein etwa 17 m  hoher Damm geplant, dessen Aufstellfläche ca. 85 m breit ist. Für die "Ökotunnel" gibt  es keine Referenzprojekte. Nach eigenen Worten betritt die LTV Sachsen mit der  geplanten Errichtung von Anlagen dieser Größenordnung Neuland. Erst nach  Inbetriebnahme der HRB soll die Funktionsfähigkeit in ökologischer und  wasserbaulicher Hinsicht im Rahmen eines Monitoringprogramms überwacht werden  und ggf. weitere Modifizierungen erfolgen.  Der Damm riegelt nicht nur ökologisch den Talraum ab, sondern auch visuell. Es mag  Zeiten gegeben, wo die Gesellschaft im Rausch der Technikentwicklung Betonmauern  und Schüttdämme als „schön“ empfunden hat, weil der dahinter stehende Nutzen und  die damit verbundenen Hoffnungen auf Wohlstand die Ästhetik überlagern. Inzwischen  weiß man aber um die Doppelköpfigkeit der Technik.  Und auch die viel gepriesenen Wohltaten traten nicht immer so ein bzw. wurden  regelmäßig durch ihre Schattenseiten übertroffen, so dass man nicht mehr  vorbehaltlos alles bejubelt, was technischer Fortschritt heißt. Die natürliche  landschaftliche Schönheit einer Flussaue wird von der bewußten Mehrheit der  Menschen inzwischen als Eigenwert begriffen, der an anderer Stelle nicht wieder  herstellbar ist, wenn er für ein Projekt geopfert wird.  Die o.g. Pressemitteilung für das Becken Niederwürschnitz erhellt zudem ein weiteres  Problem - der staatliche Planungsträger „muss noch mit den Eigentümern  klarkommen“. In diesen (für uns diskriminierenden) Worten zeigt sich der „besondere“  Respekt des staatlichen Vorhabensträger Landestalsperrenverwaltung vor privatem  Flächeneigentum und dessen Verantwortung. Es ist nämlich nicht so, dass nach einem Einstau des Trockenbeckens (wie gesagt  bereits bei einem HQ 2) danach die Fläche wieder so aussieht wie zuvor, auch wenn  dies die Behauptung „dabei bleibt die Auefläche in ihrem bisherigen, natürlichen  Zustand erhalten, abgesehen von den Aufstandflächen der Dämme“ des HWSK Los 4  im Kapitel 8 suggeriert.   Jeder Einstau bringt Sedimenteinträge, die dem Fluss im weiteren Verlauf fehlen  (weswegen er sich dann noch mehr eintieft, noch schneller fließt und noch größere  Schäden anrichten kann). Diese Sedimente bleiben im Becken und bilden mit der Zeit  eine hohe, mit Geröll versetzte Schlammschicht. Egal, ob es sich vorher um  schützenswerte Biotope wie einen naturnahen Flusslauf, Uferstauden oder  Sumpfwiesen handelt oder um landwirtschaftlich nutzbare Flächen – diese Strukturen  sind für immer dahin. Selbst wenn eine Wiese auf dem Schlamm wächst, ist sie nicht  mehr nutzbar, da der Schlamm hohe Konzentrationen von giftigen Stoffen wie Arsen,  Cadmium und Blei aufweist, die im Erzgebirge der natürlichen Geologie geschuldet  sind. Sollte eine Beräumung der Ablagerungen erfolgen, müsste dieser Schlamm – so  sagt es der Gesetzgeber in seinem Abfallrecht - als überwachungspflichtiger Abfall auf  einer Sondermülldeponie abgelagert werden. Und da haben dann die Beschäftigten  der staatlich eingebundenen Entsorgungsgesellschaften ein einkommenssicheres,  steuerfinanziertes Betätigungsfeld ... Gibt es wirklich keine Alternativen zu Hochwasserrückhaltebecken?   Gefülltes Hochwasserrückhaltebecken Reinhardtsgrimma (Hochwasser im August 2002) Bildnachweis: Wikipedia, Bildbeschreibung: Quelle: Archiv Harald Weber / harald-weber.info, Fotograf: Harald Weber Hawedi, Datum: 13.08.2002 Leeres Hochwasserrückhaltebecken Reinhardtsgrimma (nach dem Hochwasser im August 2002, der Schlamm an den Bäumen zeigt die Füllhöhe wenige Tage vorher) Bildnachweis: Wikopedia, Quelle: Archiv Harald Weber / harald-weber.info, Fotograf: Harald Weber Hawedi, Datum: 22.08.2002