Unser Kauf der Flöhainsel - eine Geschichte mit vielen Wendungen oder: "Wie wir einen Beitrag zum Hochwasserschutz leisten wollten, und was daraus geworden ist"   Prolog   Ein Schwerpunkt unserer Vereinsphilosophie ist seit der Gründung im Jahr 1990 der Erwerb  von Flächen für Renaturierungszwecke. Unsere Erfahrung zeigt, daß dies für uns das einzige  effektive Mittel ist, diese Flächen der Natur zurückzugeben, indem natürliche  Entwicklungsprozesse ungestört und ohne jeglichen Nutzungsdruck ablaufen können. Ziel  jedes Projektes und jedes Flächenerwerbes ist deshalb die Wiederherstellung des Zustandes  der höchsten Naturnähe. Von Anbeginn haben sich unsere Aktivitäten auf die Fluß- und Bachauen unseres  Heimatgebietes (Landkreis Freiberg, Sachsen) konzentriert, wo durch Aus- und Verbau der  Fließgewässer nicht nur Naturschutzbelange, auch Belange des Hochwasserschutzes und der  Hochwasservorsorge berührt werden. Eine Wiederherstellung natürlicher oder naturnaher  Auensysteme auf unseren Eigentumsflächen ohne Nutzungskonflikte - so dachten wir - würde  uns auch in einem besonderen Maße die Unterstützung der Verwaltungsbehörden sichern.  Und damit begann Der große Irrtum 1995 - 1998   Wir recherchieren eine 12 ha große Auenfläche, genannt "die Insel" (weil zwischen Fluß und  Mühlgraben gelegen) an der Flöha (Gewässer 1. Ordnung) zwischen der Großen Kreisstadt  Flöha, Sachsen und der Nachbargemeinde Falkenau. Sie ist im Besitz der BVVG  (Bodenverwertungs- und verwaltungsgesellschaft, zuständig für den Verkauf ehemals  volkseigener Flächen in Ostdeutschland). Die Ackernutzung durch einen Pächter ist möglich,  weil ein Deichdamm den Fluß von seiner Aue trennt. Die Stadt Flöha hat regelmäßig kleinere  und auch größere Hochwasserereignisse zu durchstehen.    1. Irrtum: Wir denken, die BVVG läßt sich durch Belange des Gemeinwohl  beeindrucken.    1998 - 2000   Die BVVG hat einen Verwertungsauftrag, d.h., das Land gibt es irgendwann einmal zu kaufen,  Vorrang hat dabei der Pächter. Für einen Naturschutzverband ist der Erwerb deshalb weitaus  schwieriger als für einen Landwirtschaftsbetrieb, also sammeln wir eifrig positive  Stellungnahmen aller zuständigen Behörden (ganz unten bis ganz oben). Ein Mammutprojekt  für einen ehrenamtlichen Verein, der die Behörden nun einzeln an den Fluß holt, um den  Anblick wirken zu lassen. Einhellige Zustimmung zeichnet sich ab (mündlich), vorsichtig  formulierte Zustimmungen (schriftlich) gehen schließlich bei uns ein. Naturschutz- und  Hochwasserschutzbedeutung einer Auenrenaturierung an dieser Stelle stehen bei allen außer  Zweifel. Mit dem Bündel Papier wollen wir die BVVG beeindrucken.    Das klappt erst mal nicht.    1998   Ein Hochwasser der Flöha im Frühjahr 1998 läßt die Aue "absaufen", das Grundwasser drückt  nach oben und bleibt lange als Tümpel stehen.    2000   Der Pachtvertrag des landwirtschaftlichen Pächters läuft aus, er will die Fläche nicht  erwerben. Wir sehen unsere Chance gekommen ...    Was wir nicht wissen: Die BVVG hat das Land bereits intern ausgeschrieben, ohne uns zu  beteiligen.    2001   Wir erfahren durch Zufall davon, daß ein Landwirtschaftsbetrieb mit Sitz viele Kilometer  entfernt von der Aue die Flächen erworben hat. Der Schlag war hart. Was bleibt, ist zu großer Form aufzulaufen und alles zu versuchen: Die  mittlerweile in mehreren Schutzwürdigkeitsgutachten nachgewiesene Bedeutung der Flußaue  für den Naturschutz und die durch die "Eingangslage" zur Stadt Flöha gegebene Möglichkeit,  den dringend benötigten Retentionsraum für den Fluß zu schaffen sind doch wohl Argumente  genug, das gesetzliche Vorkaufsrecht wahrzunehmen. Auch die kommunalen Planungen sehen  mittlerweile auf der "Insel" ausschließlich Maßnahmen des Naturschutzes vor. Wir wenden uns  an die zuständigen Behörden, vor allem an den Ersten Mann im Regierungsbezirk Chemnitz,  Herrn Regierungspräsidenten Noltze.    2. Irrtum: Wir denken, die Verwaltungsbehörden, insbesondere das  Regierungspräsidium Chemnitz, stehen in besonderem Maße für Belange des  Gemeinwohls ein.    Tatsache ist: Nach Aussage des Regierungspräsidiums kann das Vorkaufsrecht nicht ausgeübt  werden, weil (irgendwann einmal, eventuell) eine Ortsumgehung Flöha gerade diese Aue  queren würde und im Rahmen des Eingriffsausgleiches für die Straße das Projekt dann  schließlich auch umgesetzt werden kann. (Eine Argumentation, mit der man alle Vorhaben ins  Nirvana schicken kann). Im Übrigen wären wir kein anerkannter Naturschutzverband und nur  der kann vorkaufsrechtsbegünstigt werden.    Letzter Versuch: Wir wenden uns sofort an die Grüne Liga Sachsen e.V., deren Mitglied wir  sind. Die Grüne Liga als anerkannter Naturschutzverband bittet unverzüglich das  Regierungspräsidium Chemnitz darum, als Begünstigter im Vorkaufsrecht zu handeln.    Das klappt wieder nicht.   Die Aue ist vor wenigen Tagen an ein Landwirtschaftsunternehmen verkauft worden. Was  bleibt, ist die zweifelhafte "Hoffnung" auf einen schweren Eingriff in die Natur, um dann eine  Renaturierung der Flußaue als "Ausgleich" zu erhalten.     01/2002   Da wir unsere Vorhaben nicht an neue Eingriffe binden, wenden wir uns mit der Grünen Liga  noch einmal schriftlich an den Regierungspräsidenten Herrn Noltze, der zu diesem Zeitpunkt  gerade mit einem Artikel im Umweltreport Chemnitz auf sein Engagement in Sachen  Umweltschutz und die Wichtigkeit engagierter Bürgerinnen und Bürger für den Erhalt der  natürlichen Lebensgrundlagen hinweist.    Wir versprechen Herrn Noltze: "Sollte in der nächsten Zeit ein größeres Hochwasserereignis  an der Flöha zu einem Überschwemmen der Hochwasserdeiche in der Stadt Flöha führen,  werden wir der betroffenen Bürgerschaft vom Wollen aber nicht Können und den (vielleicht  von Angst geprägten) Befindlichkeiten eines Regierungspräsidenten bei der Zusammenarbeit  mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern zur Entschärfung eines Hochwasserschwerpunktes  vor den Toren der Stadt berichten".   06/2002   Auf der Insel wächst Getreide.   12.08.2002   Das "Jahrtausend-Hochwasser" der Flöha erreicht die Stadt Flöha, überflutet die  Hochwasserdeiche und setzt die gesamte Innenstadt ca. 1,50 m unter Wasser.   09/2002   Das Getreidefeld ist von einer Schotterfläche nicht mehr zu unterscheiden.   Fazit: Die Natur holt sich, was sie braucht. Und wir können mit diesem Beitrag unser Versprechen  bei Herrn Noltze einlösen ...    Und nun das (vorläufig) gute Ende...  19.11.2002  Wir haben es geschafft: Per Notarvertrag gehen 10 ha Flöhaaue in den Besitz des  Naturschutzverbandes Freiberg e.V. über - der neue Flußlauf ist dauerhaft gesichert !!! Das ist das Ergebnis ausschließlich privaten ehrenamtlichen Engagements unseres Vereins - und ein  Beweis, daß Privatinitiative letztendlich der erfolgreichere Weg ist. Wie schwer es werden wird, die Aue und ihren Flusslauf wirklich dauerhaft zu sichern, ahnten  wir in diesem Moment noch nicht - erst im Jahr 2004 erfuhren wir von den Plänen zu einer  Ortsumgehung Flöha, die auch die Flöhainsel durchqueren sollte.  Der Kampf um die Flöhainsel ging in eine weitere Runde...