Hochwasserrückhaltebecken Oberbobritzsch und Mulda Der Freistaat Sachsen plant durch seine Landestalsperrenverwaltung LTV, Betrieb  Freiberger Mulde/Zschopau zwei talsperrenähnliche Hochwasserückhaltebecken bei  Oberbobritzsch (Landkreis Mittelsachsen) an der Bobritzsch und bei Mulda am  Chemnitzbach.   Die Becken sind Bestandteil der Hochwasserschutzkonzeption des Freistaates.  Definiertes Schutzziel in den Siedlungen ist das sogenannte HQ 100.  Mittels beider Becken und im Zusammenspiel mit örtlichen Maßnahmen wie  Hochwassermauern und Deichen in den flussabwärts gelegenen Siedlungen sollen  die an der Bobritzsch und Freiberger Mulde liegenden Gemeinden geschützt sowie  der Scheitel der Freiberger Mulde bei Nossen um rund 30 Prozent gesenkt werden.  Nossen ist ca. 30 Kilometer Luftlinie von den Beckenstandorten entfernt. Die 30%-  Senkung wird nach Aussage des Vorhabensträgers LTV benötigt, um die lokalen  Schutzmaßnahmen in Nossen, Roßwein und Döbeln zu verringern.  Es handelt sich um die mit weitem Abstand  teuersten Hochwasserschutzmaßnahmen in  Mittelsachsen: Das aktuell geplante Kostenvolumen beläuft sich  auf ca. 100 Mio. € - Kostensteigerungen nicht  ausgeschlossen. So wurden für das HRB  Oberbobritzsch noch im Mai 2008 21 Mio. €  veranschlagt, im Jahr 2010 bereits 37,5 Mio.€,  für das Becken Mulda stieg die Kostensumme  von 42 Mill. € auf 60 Mill. € im Jahr 2011.   Quelle: Informationsschrift der Landestalsperrenverwaltung Sachsen, Juli 2010)  Trotz der geplanten Becken müssen für die flussabwärts gelegenen Ortschaften Bobritzsch, Krummenhennersdorf, Mulda,  Dorfchemnitz, Lichtenberg, Weißenborn, Halsbrücke, Großschirma, Reinsberg, Siebenlehn, Rechenberg-Bienenmühle und  Kleinbobritzsch  zusätzliche Hochwasserschutzmauern und Deiche  errichtet werden, für die im Jahr 2004 weitere 25 Mio.   veranschlagt werden. Zur überörtlichen Wirkung von Hochwasserrückhaltebecken, insbesondere für Nossen, Roßwein und Döbeln  Nördlich von Oberbobritzsch soll ein ca. 544 m langer und bis zu 17 m hoher Damm die weite Talaue abriegeln. Das  Einzugsgebiet des dadurch entstehenden Beckens beträgt ca. 40 km² und entspricht damit ca. einem Fünftel des  Gesamteinzugsgebiets der Bobritzsch.  Das Becken am Chemnitzbach, in welches durch einen 4 Kilometer langen, durch den Berg getriebenen Stollen auch  Wasser aus der Freiberger Mulde eingeleitet werden soll, soll angeblich 106 km² Einzugsgebiet erfassen. Bereits letzteres  muss aus objektiven Gründen angezweifelt werden.  Ein Regenereignis, welches ein HQ100 auslösen kann, umfasst etwa 170 mm Regen pro Quadratmeter in 24 Stunden.  Nach den Annahmen des Vorhabensträgers LTV (Berechnungen gibt es dazu übrigens nicht !) fließen in diesem Fall ca.  65% des Niederschlags direkt ab, was innerhalb von 24 Stunden in einem Einzugsgebiet von 40 km² (Bobritzsch) ein  Abflussvolumen von 4,5 Mio. m³ ergibt. Mit anderen Worten - nach 24 Stunden Starkniederschlag wäre das Becken  Oberbobritzsch voll. Das Becken Mulda könnte entsprechend der obigen Berechnung den Niederschlag eines 49 km²   großen Einzugsgebietes aufnehmen (ob 49 km² vom Chemnitzbach oder Anteile des Einzugsgebiets der Freiberger Mulde  mittels Überleitstollen, wäre gleich).  Natürlich kann der Zeitrahmen des Voll-Laufens der Becken gestreckt werden. Das hängt von der Steuerung des  Grundablasses ab und ob die Becken vorher leer waren. Beides sind Entscheidungen, die durch Wetter- und  Niederschlagsprognosen erheblich beeinflusst werden. Es ist hier zu erinnern, dass im August 2002 diese Prognose  fehlerhaft war bzw. vielleicht auch gar nicht richtig gestellt werden konnte, weil sich die Zugbahn des  Niederschlagsgebietes zwischenzeitlich änderte. Die beiden Hochwasserrückhaltebecken würden damit nur für ein Einzugsgebiet von ca. 90 km² wirksam werden. Bei  einem Starkniederschlagsereignis von 24 Stunden könnten sie dabei 10,3 Mio m³ Niederschlag aufnehmen, welcher  ansonsten innerhalb von 24 Stunden Richtung Nossen abfließen würde. Dies entspräche einem Abfluss von ca. 119 m³/s.  Das gesamte Einzugsgebiet der Freiberger Mulde bis Nossen umfasst ca. 586 km². Bis Döbeln fließt noch die Striegis zu  (Einzugsgebiet ca. 286 km²). Das Gesamteinzugsgebiet  der Freiberger Mulde bis Döbeln beträgt 984 km² (Anmerkung: es  kursieren verschiedene Zahlen, es werden die Angaben des Projekts IKSE 2005 verwendet).    Mit einem Einzugsgebiet von 90 km² würden die beiden Becken also den Abfluss von etwa einem Siebentel des  Gesamteinzugsgebietes bis Nossen und von etwa einem Zehntel des Einzugsgebietes der Freiberger Mulde bis Döbeln  steuern. Ein weiterer Hochwasserrückhalt ist bis Nossen nicht geplant. Die versprochene Reduktion des Hochwasserscheitels bei einem statistisch hundertjährigem Hochwasser  (HQ100 = 341 m³/s) in Nossen um 30 % (ca. 102 m³/s) kann also nur erreicht werden, wenn fast der gesamte  Niederschlag im Einzugsgebiet der beiden Hochwasserrückhaltebecken Oberbobritzsch und Mulda fällt und dort  zurückgehalten wird.  Ist das realistisch?  Drei Wetter-Szenarien können auftreten: Szenario 1: Es befindet sich ein Starkniederschlagsgebiet über dem mittleren Erzgebirge  Die Staulage eines Niederschlagsgebiets im Erzgebirgsraum - also auch im Einzugsbereich der  HRB Oberbobritzsch und Muda - ist nicht unwahrscheinlich, nicht umsonst sind im Erzgebirge  auch die höchsten Niederschlagsmengen zu verzeichnen. In der Regel hat der Regen im oberen  Erzgebirge aber auf den Pegel in Nossen oder Döbeln eine nur geringe Wirkung. Das Gerinne  der Freiberger Mulde meistert Abflüsse bis zu einem HQ25 in Nossen (157 m³/s) problemlos.  Der HQ100-ähnliche Abfluss des Einzugsbereichs der HRB Oberbobritzsch und Mulda bei einem  24stündigen Starkregenereignis von 119 m³/s, der sich bis Nossen durch Verdunstung und  Versickerung sowieso noch verringert, würde damit völlig schadlos durchfließen.  Die Hochwasserrückhaltebecken Oberbobritzsch oder Mulda sind in diesem Fall für Nossen, Rosswein oder Döbeln nicht  notwendig. Szenario 2. Es befindet sich ein Starkniederschlagsgebiet über dem Erzgebirgsvorland (im weitesten Sinne). Es kommt  in diesem Gebiet zu einem erheblichen Anstieg des Pegels der Freiberger Mulde und der Striegis sowie gleichzeitig der  einmündenden Bäche.   Neben Ausuferungen an der Freiberger Mulde in Siedlungen (außerhalb gibt es da noch kein  Problem), verstärkt jedoch durch den Anstau bei Wehren (dieser kann bis zu 2 m betragen!),  kommt es zu erheblichen Rückstauerscheinungen der einmündenden Bäche in die jeweiligen  Stadtgebiete. Insbesondere durch den Verbau der Fließgewässer 2. Ordnung in den Ortslagen  (Begradigung, Verbauung, Verrohrung der Bäche bis hin zur Zusammenlegung mit der  Kanalisation) haben diese keinen Ausbreitungsraum mehr und stauen sich bei zu engen  Durchlässen, Brücken und spätestens im Mündungsbereich zur Freiberger Mulde auf.  Beispielsweise verursachten im Jahr 2008 einmündende Bäche Überschwemmungen mit  hohem Schadenspotential in Rosswein, obwohl die Freiberger Mulde nur bordvoll war.  Verursacht wurde dies durch ein lokales Starkregengebiet im Erzgebirgsvorland und nicht im  Erzgebirge. Im Jahr 2010 führte die Freiberger Mulde im Bereich Rosswein bis Döbeln Hochwasser der Warnstufe 3,  obwohl im Ober- und Mittellauf der Freiberger Mulde noch nicht einmal die Meldegrenze erreicht wurde. Das  Niederschlagsgebiet befand sich im Raum Vogtland-Westsachsen und zog dann Richtung Tschechien/Polen (Lausitz) und  Umgehung des Erzgebirges.  Abhilfe schaffen regionale Maßnahmen zur Stärkung des Wasserrückhalts in der Fläche, insbesondere bei den  Nebengewässern (Bäche)  Öffnen der Drainagen, Verschließen von Entwässerungsgräben  Offenlegung verrohrter Bäche,   Rückbau der Sohl- und Böschungsbefestigungen,   Bachaufweitungen und Renaturierungen  Mündungsaufweitung  Rückbau aller Aufstaue wie Wehre und Schwellen  Wiederbewaldungen,   kleine, dezentrale Becken in der Feldflur   Trennung von Abwasser und Regenwasser/Bachwasser im Kanalnetz  Rückbau von Versiegelungen  örtliche Versickerung  Diese Maßnahmen wirken immer - die Hochwasserrückhaltebecken Oberbobritzsch und Mulda dagegen haben in diesem  Szenario keine Wirkung, da diese außerhalb des Niederschlagsgebiets liegen.  Die durch die Landestalsperrenverwaltung priorisierte Errichtung oder Erhöhung von Ufermauern und Deichen verschärft  die Situation nur, denn es werden aufwändige Maßnahmen der Binnenentwässerung erforderlich (immerhin müssen die  hochwasserführenden Bäche über die Mauern/Deiche in die Freiberger Mulde bzw. Striegis gepumpt werden). Daneben  kommt es zu einem stärkeren und länger andauerndem Grundwasseranstieg. Und auch hier gilt das Prinzip - Ufermauern  und Deichen wirken nur, so lange sie nicht brechen oder überströmt werden. Allein das Überströmen verursacht mehr  Schäden als ein hindernisfreier Wasseranstieg !    Szenario 3. Es befindet sich ein Starkniederschlagsgebiet über dem gesamten Mulde-Einzugsgebiet.   Dieser Fall entspricht einer Wetterlage ähnlich der vom August-Hochwasser 2002 (HQ200-  300).  Hier wirken keine technischen und sonstigen Schutzmaßnahmen mehr.   Die Wassermengen insbesondere im Unterlauf der Freiberger Mulde sind dann so groß, dass  der Rückhalt von 10 Mio. m³ 30 Kilometer flussaufwärts unbedeutend ist (im Vergleich: in  Nossen betrug der Scheitelabfluss zum Hochwasser 2002 690 m³/s, das ist etwa doppelt  soviel wie bei einem HQ100, nämlich 350 m³/s).   Fazit: Die geplanten Hochwasserrückhaltebecken entfalten ihre Wirkung nur in einem eng begrenzten Ursachenbereich und  werden für den Rückhalt eines Hochwassers in Nossen, Roßwein oder Döbeln nicht gebraucht. In den Fällen, wo  Starkniederschläge außerhalb des max. 100 km² große Einzugsgebiets der Becken niedergehen, sind sie sowieso  wirkungslos.   Immer wirksam sind hingegen lokale und regionale Maßnahmen des Wasserrückhalts in der Fläche, da sie  unabhängig von der Zugbahn von Niederschlagsgebieten sind.  Schadensträchtige Hochwässer in Nossen, Roßwein und Döbeln entstehen nur, wenn gleichzeitig die Freiberger Mulde  und die im Bereich Nossen bis Döbeln einmündenden Bäche und Flüsse (auch die Striegis) extrem hohe  Wasserstände führen. Dies passiert nur, wenn es im gesamten Einzugsgebiet der Freiberger Mulde extrem regnet.  Solche flächendeckenden Starkniederschlagserereignisse wie im August 2002 können aber nicht durch technische  Maßnahmen aufgefangen und gemindert werden. Derartigen Hochwässern ist nur durch Freiräumen der Auen  und Rückbau gefährdeter Bausubstanz zu begegnen.  Das Vorkommen eines HQ100, für das zwei 100 Mio. € teure Becken gebaut werden sollen, ist rein theoretischer  Natur. Es konnte bei der Recherche für das Gebiet der Freiberger Mulde bis Döbeln kein Hochwasserereignis im 20.  und 21. Jahrhundert gefunden werden (im 19. Jahrhundert und davor gab es noch keine vergleichbare  Hochwasserdatenerfassung), bei dem ein HQ100 aufgetreten wäre. Entweder das Hochwasser bewegte sich in einem  Bereich bis HQ50, oder es gab Flut, also ein HQ deutlich höher als HQ100 (dies ist auch durch die Szenarien 1 - 3  begründbar).  Für den Fall eines HQ 50 reicht als Schutz die Ertüchtigung vorhandener Mauern und Deiche im Siedlungsgebiet in  der Regel aus - vor allem dann, wenn konsequent alle Retentionsräume außerhalb der Siedlungen von Eindeichungen  befreit werden. technische Daten: Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Oberbobritzsch: Zur örtlichen Wirkung von Hochwasserrückhaltebecken Zum laufenden Planungsverfahren gestautes Gewässer: Stauform:                  Einzugsgebiet:           Dammlänge:              Dammhöhe:               Dammfußbreite:         Volumen:                    Einstaufläche:            Kosten:                      gestaute Gewässer:  Stauform:                   Einzugsgebiet:           Dammlänge:              Dammhöhe:               Dammfußbreite:        Volumen:                   Einstaufläche:           Kosten:                     Bobritzsch Trockenbecken im Hauptschluss ca. 40 km² 544 m max. 17,24 m 85 m max. 4,86 Mio. m³ max. 95 ha ca. 37,5 Mio. € Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Mulda: Chemnitzbach und Freiberger Mulde (durch 4 km Tunnelzuleitung) Trockenbecken im Hauptschluss 106 km² 230 m max. 27 m 118 m 5,41 Mio. m³ max. 59,6 ha 60 Mio. € (bisher 42 Mill. € !!)